Einblick in den Unterausschuss Globale Gesundheit: Interview mit Prof. Andrew Ullmann

29. August 2022 I  Aus der Politik  I Von : Kristina Knispel

In unserer Interviewserie „Der Hub im Gespräch mit...“ geben Vertreter*innen von Ministerien und Bundestagsabgeordnete Einblick in ihre Arbeit. Dieses Mal spricht unsere Geschäftsführerin Kristina Knispel mit Prof. Andrew Ullmann, Vorsitzender des Unterausschusses Globale Gesundheit.

Professor Ullmann, Sie sind Vorsitzender des neuen Unterausschusses Globale Gesundheit im Bundestag, der im April 2022 gegründet wurde. Mit 17 neuen Mitgliedern ist der Unterausschuss größer als jeder andere – wie kam es dazu?

Andrew Ullmann: Eigentlich war die Idee, einen Ausschuss zu bilden anstelle eines Unterausschusses. Stattdessen haben wir den Unterausschuss nun erweitert mit direkter Anbindung an den Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und den Gesundheitsausschuss, denn globale Gesundheit muss ganzheitlich gedacht und entsprechend interdisziplinär betrachtet werden. Ich bin stolz darauf, dass wir uns mit dem Start in der neuen Wahlperiode vergrößert haben. Dass wir kein Voll-Ausschuss sind, ist egal, denn letztendlich kommt es auf die Inhalte an, die wir einbringen. Wir wollen parteiübergreifend arbeiten und die demokratischen Parteien zusammenbringen.
 

Mit welchen Themen beschäftigt sich der Unterausschuss schwerpunktmäßig?

Andrew Ullmann: Wir haben einige Themen, die wir behandeln wollen. Aber die Schwerpunkte sind relativ klar: Pandemieprävention und -reaktion. Wir müssen aus der Covid-Krise und auch aus den Fehlern auf globaler Ebene lernen.

Auch die Klimaerwärmung darf man nicht ignorieren. Gerade im Gesundheitssektor stellt die Klimaerwärmung eine besondere Herausforderung dar, sowohl für die Gesundheitssysteme wie auch für die Menschen. Digitalisierung ist ein weiteres Thema. Wir müssen Daten erheben und auswerten können. Ein weiteres Themenfeld ist die globale Gesundheits-Governance und die Finanzierung. Ganz ohne Geld geht es nicht.

Was für mich als Arzt wichtig ist: Es geht um Gesundheitsförderung – also nicht nur Krankheitsbehandlung, sondern Gesundheitskompetenz-Vermittlung – und das für alle Menschen weltweit, ist ganz wichtig. Das sind dicke Bretter und das dauert, aber ohne Unterausschuss würde es noch länger dauern.
 

Welche Frage sorgte vor der parlamentarischen Sommerpause für die hitzigste Debatte im Unterausschuss?

Andrew Ullmann: Was ein bisschen emotional war, war die Diskussion um Patentrechte. Da gibt es schon diametrale parteiliche Unterschiede, was eigentlich mit Intellectual Property gemeint ist und wie man damit umgehen sollte.

Ich denke, es ist nicht die Lösung Intellectual Property in Frage zu stellen, sondern zu fragen, wie können wir gewährleisten, dass die globale Bevölkerung einen Zugang zu medizinischer Innovation hat.
 

Was möchten Sie als Vorsitzender des Unterausschusses bis zum Ende der Legislaturperiode erreichen?

Andrew Ullmann: Ich stelle mir vor, dass sich globale Gesundheit im politischen Alltag wiederfindet. Anfangs waren wir ein paar, ich würde fast sagen ‘Nerds‘, die über globale Gesundheit gesprochen haben, und auch in den Parteien gab es zum Teil Kopfkratzen, was ist das denn eigentlich? Dieses Bewusstsein hat sich in den letzten vier Jahren dramatisch geändert, dass globale Gesundheit eine wichtige Rolle spielt.

Was uns als Unterausschuss wichtig ist: Die globale Gesundheitsstrategie der Bundesregierung darf nicht in einer Schublade verschwinden, sondern muss gelebt werden. Auch die Weiterentwicklung der Gesundheitsarchitektur und -finanzierung wollen wir voranbringen. Und die Stärkung und Reform der WHO ist ein ganz wichtiger Punkt. Nicht zu vergessen: Die Unterausschuss-Mitglieder der Ampel-Koalition und der Union haben zusammen die Einbindung von Taiwan bei der Weltgesundheitsversammlung nach vorne gebracht und im ersten Halbjahr 2022 einen entsprechenden Antrag verabschiedet.

Wir haben in nationalen Gesundheitssystemen sehr viele Sektoren und in der globalen Gesundheit auch. Und die Zusammenhänge müssen wir sehen: Klimakrise, Ernährungssicherheit, die ist gerade jetzt im Ukraine-Krieg zu gewährleisten, sowie Auswirkungen auf die Gesundheit durch One Health – Zoonosen sind ein wichtiger Punkt. Aber auch Neglected Tropical Diseases – also vernachlässigte und Armut assoziierte Krankheiten, die eine sehr hohe Krankheitslast haben. Ich habe die Hoffnung, dass wir mit den neuen mRNA-Impfstoffen auch in diesem Bereich in den nächsten fünf bis zehn Jahren etwas Gutes erreichen können.

Allerdings Deutschland allein wird es nicht schaffen. Es ist ganz wichtig, dass die Politik dorthin zurückkehrt, wo sie beim Thema globale Gesundheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit war: zum Multilateralismus. Ohne Multilateralismus wird es nicht funktionieren all die Ziele der globalen Gesundheit, die wir definiert haben, zu erreichen. Diese Aufgaben, die zum Teil bei der G7 und G20 verortet sind, müssen wir als Deutschland, als eines der größten Länder in der EU, gemeinsam mit unseren Partnern nach vorne bringen.
 

Sie sprachen grade von dicken Brettern. Was ist Ihr Way forward? Wie genau sollen diese Ergebnisse implementiert werden?

Andrew Ullmann: Ich denke, aktive Zusammenarbeit von uns als Legislative mit der Exekutive ist wichtig und auch mit anderen Stakeholdern in Kontakt zu sein. Der Global Health Hub Germany ist ja Plattform und Brückenbauer zugleich. Und wir als Unterausschuss können von der politischen Seite her auch Brückenbauer sein. Wir brauchen nicht unbedingt einen Global Health-Botschafter wie es ihn in anderen Ländern gibt, aber es wäre wichtig eine Koordinationsstelle für globale Gesundheit zu haben.
 

Welche Hürden sehen Sie bei der Umsetzung?

Andrew Ullmann: Eine Hürde, die wir erleben, sind die multiplen, überlappenden Krisen. Wir haben momentan die Covid-Krise, wir haben bei unserem europäischen Nachbarn ein Krieg in der Ukraine durch den Agressor Russland, wir haben eine menschliche Krise, wir haben eine Energiekrise, wir haben einen Wirtschaftskrieg. Da treten die globalen Gedanken schon mal in den Hintergrund und man denkt eher national orientiert. Das darf nicht passieren, darauf müssen wir aufpassen und politisch gegensteuern! Auch hier geht es immer wieder um das liebe Geld. Wir haben ein angespanntes Budget, weil auch sehr viel in Covid-19 investiert wurde. Da müssen wir jetzt auch sehen, dass die Investition in globale Gesundheit, eine wichtige Zukunftsinvestition ist und das dürfen wir natürlich nicht vergessen.

Budget und Bewusstsein sind also zwei kritische Faktoren. Bei Twitter forderten Sie außerdem kürzlich zudem eine bessere Datenlage – welche Maßnahmen schlagen Sie zur Verbesserung vor?

Andrew Ullmann: Besonders wenn man sich angelsächsische Länder anschaut – also Großbritannien, die USA oder Kanada – dann sieht man, dass sie auf nationaler Ebene sehr gute Daten haben und die CDC (Centers for Disease Control and Prevention) sogar internationale Daten hat, wenn Ausbrüche im Entstehen sind. Dahin muss sich die ecdc (European Centre for Disease Prevention and Control) noch entwickeln – aber genau diese Entwicklung ist essenziell wichtig für Resilienz gegenüber entstehenden Pandemien. Es geht zusätzlich darum, die Informationen, die wir vor Ort erhalten, auch global zur Verfügung zu stellen und ausgewertet werden können.

Erinnern wir uns daran, wie miserabel die Informationspolitik aus China war als Covid-19 offensichtlich wurde. Das darf sich nicht noch einmal wiederholen. Wir müssen die globale Public Health-Struktur in eine bessere digitale und multilaterale Zukunft bringen. Die Werkzeuge sind da, nur die Implementierung fehlt.


Sie beschäftigen sich im Unterausschuss u.a. mit dem Internationalen Pandemievertrag. Der Global Health Hub Germany hat kürzlich eine Abfrage unter Mitgliedern zu notwendigen Inhalten des zukünftigen Pandemievertrags gemacht. Sind solche Abfragen hilfreich für Sie persönlich und den Unterausschuss?

Andrew Ullmann: Ich denke, genau diese Informationen können wir immer brauchen und sie als Information für unsere politische Arbeit verwenden.
 

Gibt es etwas was Sie uns, dem Hub, mitgeben wollen, oder auch den Mitgliedern in Bezug auf Zusammenarbeit mit dem Unterausschuss?

Andrew Ullmann: Ich denke unsere Zusammenarbeit sollte eine Zweibahnstraße sein. Wir als Unterausschuss haben vor, im engen Kontakt und Austausch mit dem Hub zu bleiben. Aber auch umgekehrt möchten wir Sie einladen auf uns zuzukommen, wenn Sie etwas Konkretes sehen, wo wir politisch möglicherweise etwas bewegen könnten.

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