"Mitglieder stellen sich vor" - DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe

28. Januar 2021 I  Neues aus dem Hub  I Von : Clara Bohle

Anlässlich des Welttags gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten am 30. und des Welt-Lepra-Tags am 31. Januar stellen wir diesen Monat unser Mitglied die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe vor. Diese setzt sich seit über sechs Jahrzehnten für Menschen ein, die an armutsassoziierten und vernachlässigten Krankheiten erkrankt sind. Jenifer Gabel, Referentin für Public Relations, berichtet deshalb heute über die Geschichte der DAHW, die Hindernisse im Kampf gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten und die Aktionswoche “Hinsehen statt Übersehen”, die vom 24. bis zum 31. Januar stattfindet.

Hallo Frau Gabel, könnten Sie zum Einstieg die Arbeit der DAHW und das Thema der vernachlässigten Tropenkrankheiten kurz vorstellen?

 

„DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe” ist ein Name mit einer längeren Vorgeschichte: Wir wurden 1957 als Lepra-Hilfswerk gegründet. Damals hießen wir „Deutsches Aussätzigen Hilfswerk”. Dieses Akronym, DAHW, ist uns auch geblieben. Seit 64 Jahren sind wir weltweit gegen Lepra aktiv. Lepra ist heute eine vernachlässigte Tropenkrankheit („Neglected Tropical Diseases”, kurz NTDs). Da wir in unserer Arbeit – gemeinsam mit meist lokalen Partnerorganisationen - recht erfolgreich waren, hat sich in den 80er-Jahren die Lepra-Fallzahlentwicklung so dargestellt, dass wir als zweites Mandat die Tuberkulose dazu genommen haben. Dafür gab es mehrere Gründe: Zum einen ist Tuberkulose in den Ländern, in denen wir tätig sind, ein weiteres großes Gesundheitsproblem und zum anderen ist auch Tuberkulose eine sogenannte armutsassoziierte Krankheit, also eine Krankheit, die von Armut begünstigt wird. 

So ist es eigentlich nur folgerichtig, dass wir heute Expert:innen insgesamt für das Themenfeld vernachlässigte und armutsassoziierte Krankheiten sind. Obwohl die Krankheiten selbst medizinisch oft sehr unterschiedlich sind, haben ähnliche Faktoren Auswirkung auf ihre Entwicklung. Wir erleben auch, wie unsere Expertise in dem Bereich „Wie kann ich nachhaltig und ganzheitlich eine Krankheit in einer endemischen Region mit sektorübergreifenden Konzepten - Stichwort Global Health und auch Stichwort One Health - bekämpfen?” gefragt wird. Glücklicherweise entwickelt sich das Gesamtverständnis in der Globalen Gesundheit dahingehend, dass es dringend notwendig ist, die Lebensumwelt und auch die Umwelteinflüsse der betroffenen Menschen mitzubetrachten. 

 

Sie haben jetzt schon Armut als ganz entscheidenden Faktor und Ganzheitlichkeit als Methode der Bekämpfung von Tropenkrankheiten genannt. Welche Zusammenhänge sehen sie noch zwischen den vernachlässigten Tropenkrankheiten und dem Themenkomplex Globale Gesundheit?

 

Es ist schwierig, Armut auszuklammern, denn Armut ist einerseits ein Faktor, der es begünstigt, dass Menschen sich mit NTDs infizieren. Armut ist eine Ursache dafür, dass Menschen zu spät oder keine Behandlung erfahren. Armut ist aber auch ein Grund dafür, dass die Aufmerksamkeit für diese Menschen, global betrachtet, nicht da ist. Man sieht im Moment ganz gut an der Corona Pandemie, was möglich ist, wenn auch Menschen in den reichen Industriestaaten des Globalen Nordens betroffen sind. Da reagiert die Weltgemeinschaft anders, als wir es von den immerhin mehr als 1,7 Milliarden von NTDs betroffenen Menschen kennen, die hauptsächlich im Globalen Süden leben.

Auf der anderen Seite führen NTDs auch zu Armut. Menschen verlieren krankheitsbedingt ihr Einkommen in Ländern, in denen es oft kaum soziale Infrastrukturen gibt. Wer nicht arbeiten kann, verdient kein Geld und verarmt. Wir reden auch von Krankheiten, die von massiver Stigmatisierung betroffen sind. Menschen werden diskriminiert, verlieren ihre Arbeit und werden ausgegrenzt aus ihren Gemeinden und ihrem sozialen Umfeld. 

Was man noch erwähnen sollte - obwohl auch hier wieder die Verbindung zur Armut besteht - ist das Thema Bildung und Gesundheitswissen. Hier kann man vielleicht auch die Parallele zu Corona ziehen: Wir haben jetzt alle gelernt, dass wir die Hände waschen, Abstand halten und Masken tragen sollen. Dafür brauchen wir aber ja die Information und sie muss bei uns ankommen. Die Übertragung von vielen NTDs lässt sich eigentlich durch relativ einfache Maßnahmen verhindern. Aber zuerst müssen die Menschen davon erfahren. Dazu gilt es, etwaige Hürden - sei es auf gesellschaftlicher oder technischer Ebene oder aber bezogen auf das Stigma der Krankheiten – zu überwinden. Wenn wir kein funktionierendes Bildungssystem haben, keine funktionierende Informationsstruktur, keinen Zugang zu Internet oder zu Zeitungen, wenn wir es mit Analphabet:innen zu tun haben, wie sollen Menschen dann erfahren, wie sie sich vor in ihrer Region verbreiteten Krankheiten schützen können? Am Ende führt aber vieles zurück zum zentralen Stichwort Armut. Deshalb setzen wir zentral bei der gemeindenahen Befähigung und Ausbildung von Teilen der betroffenen Gemeinschaft selbst an. Dies ist der zielführendste und auch nachhaltigste Ansatz, um den Kreislauf aus Krankheit und Armut zu durchbrechen.

 

Wo liegen für die DAHW wichtige Aufgaben in ihrer Arbeit im Globalen Süden?

 

Für uns ist ein ganz wichtiger Sektor der Bereich Forschung. Alle NTDs haben auch gemeinsam, dass über sie sehr wenig bekannt ist. Es wird wenig investiert, um herauszufinden, wie die Krankheiten übertragen werden oder wie sie behandelt werden können. Es gibt zwar für alle NTDs Behandlungsmöglichkeiten, aber häufig gibt es relativ starke Nebenwirkungen, weil nicht sehr intensiv geforscht wird. Bei Lepra ist es zum Beispiel so, dass wir seit den 80er-Jahren ein Heilmittel haben (die DAHW war an der Erforschung beteiligt), aber man weiß nicht abschließend, wie die Krankheit übertragen wird. 

 

Sie müssen also Lobbyarbeit für Forschung betreiben.

 

Richtig. Es geht darum, Geldmittel zu akquirieren. Wir haben zum Beispiel jetzt gerade zum Welt Lepra-Tag die Neuigkeit, dass der Lepra-Impfstoff nach 17 Jahren in die klinische Studienphase geht. Wir wissen alle, der Corona Impfstoff kam nach zehn Monaten. Das hat nicht nur mit fehlenden finanziellen Mitteln zu tun, sondern auch mit der Frage: Womit lässt sich Geld verdienen? Das muss man einfach nach wie vor so sagen.

Der zweite Sektor, der ganz essenziell für unsere Arbeit ist, ist „WASH”, also Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung. In Tansania machen wir viele Projekte zur Bekämpfung der Wurmkrankheit Schistosomiasis, ebenfalls eine vernachlässigte Tropenkrankheit. In den Uferregionen des Viktoriasees beispielsweise stecken sich die Menschen ständig immer wieder neu mit Schistosomiasis an, die ja auch tödlich verlaufen kann. Dort wurde zunächst einfach Aufklärung betrieben, dass man den verseuchten See meiden müsse. Die Fallzahlen gingen jedoch nicht zurück und das lag auch daran, dass es keine alternative Wasserquelle gab. Wir arbeiten dort intensiv mit lokalen Partnern und der Bevölkerung selbst zusammen, um Brunnen zu errichten, Sanitäranlagen einzurichten und weiter Aufklärung zu leisten. Das zeigt ziemlich gut die Vielschichtigkeit dieser Herausforderungen.

Zuletzt möchte ich noch das Thema „One Health”, also die gemeinsame Betrachtung der Gesundheit von Tier, Mensch und Ökosystem, nennen, und hier insbesondere die Veterinärmedizin, die in der Bekämpfung von NTDs eine wichtige Rolle spielt. Dadurch, dass viele dieser Krankheiten Zoonosen sind und vom Tier auf den Menschen übertragen werden, ist es wichtig, zu betrachten, wo Tiere mit Menschen zusammenleben und wo Übertragungen stattfinden. Da ist die DAHW gerade dabei, die Zusammenarbeit mit der Organisation Tierärzte ohne Grenzen zu intensivieren. Im Zuge des Klimawandels und der damit verbundenen Ausbreitung von Insektenarten werden diese Fragen auch für die Gesundheit im Globalen Norden immer relevanter.

 

Anlässlich des Welt-Lepra-Tags führen Sie eine Aktionswoche vom 24. bis zum 31. Januar durch. Was ist für die Woche geplant?

 

Genau. Den Welt-Lepra-Tag gibt es schon seit über 60 Jahren, immer am letzten Sonntag im Januar. Für uns als originäres Lepra-Hilfswerk ist das natürlich der Anlass, um in Deutschland aktiv zu werden. Letztes Jahr hat man zusätzlich den Welt-NTD-Tag am 30. Januar eingeführt. Wir verbinden jetzt beide Tage. Dadurch eröffnen sich für uns als Hilfswerk völlig neue Dimensionen, weil die 20 NTDs durch die WHO und dadurch, dass man sie gruppiert, ganz andere Aufmerksamkeit erfahren. 

Im Zentrum der internationalen Aktivitäten steht die sogenannte Light-up-Aktion. Weltweit werden am 30. Januar Sehenswürdigkeiten und Gebäude in Orange erstrahlen. Das ist eine imposante Liste von den Petrona Towers in Kuala Lumpur, über das Sony Center in Berlin bis hin zur Chinesischen Mauer. Die zweite Aktion ist für jedermann und jederfrau: Unter dem Motto “Wear Orange” ist man eingeladen, sich mit etwas Orangenem zu fotografieren und es wird hoffentlich eine große Online-Fotogalerie aus der ganzen Welt geben, die mit den Hashtags #hinsehenstattübersehen oder #worldntdday gepostet wurden. Wir wollen so auch unsere ganze Familie aus 20 Einsatzländern in Lateinamerika, Ost- und Westafrika und Asien abbilden und Solidarität zeigen. Die Hoffnung ist, dass Menschen neugierig werden, was diese NTDs sind und sich damit beschäftigen, denn so beginnt Engagement. Das Ganze ist eingefasst in ein Rahmenprogramm aus Webinaren und Video Talks, die wir unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Netzwerk für NTDs veranstalten. In dieser Woche werden wir also auf allen Ebenen von lokal, über die Bundesebene bis zu international, mit unseren Partnern und Unterstützergruppen aktiv sein.

Vielen Dank Frau Gabel, wir vom Global Health Hub Germany wünschen Ihnen für die Aktionswoche viel Erfolg! Unter folgendem Link finden sich weitere Informationen zum Thema: https://www.dahw.de/hinsehen

Foto: Bernd Hartung / DAHW

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