Ergebnisse unseres Impulsdialoges zu Gesundheit und Klimawandel

29. November 2022 I  Neues aus dem Hub

Der vom Menschen verursachte Klimawandel ist ein gesundheitlicher Notfall. Ein Impulsdialog darüber, wie ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit Klimaschutzmaßnahmen stärken kann und was dies für die Politik bedeutet.

Anregungen für die Politik

Folgende Anregungen für die deutsche Politik wurden im Laufe des Impulsdialogs formuliert:

Die politische Umsetzung eines ganzheitlichen Verständnisses von Gesundheit, im Sinne von One Health oder planetarer Gesundheit, ist notwendig:

1. Das Thema Gesundheit erzeugt persönliche Betroffenheit. Daher sollten die gesundheitlichen Auswirkungen von Klimawandel-relevanten Politiken und Maßnahmen den jeweiligen Entscheidungsträger*innen und der Öffentlichkeit gegenüber deutlich gemacht werden.

2. Politisches Handeln sollte von der Einsicht getragen sein, dass Sorge für die Umwelt immer auch Sorge für die menschliche Gesundheit ist - und umgekehrt.

3. Prävention sollte „an der Quelle“ ansetzen, indem sie die Übertragung von Krankheitserregern von tierischen Wirten auf den Menschen verhindert, um so Epidemien und kostspielige, logistisch schwierige und oft nur teilweise wirksame Impfkampagnen zu vermeiden.

4. Gesundheits- und Klimaexpert*innen können gemeinsam Leitlinien für ein emissionsfreies Gesundheitswesen zu entwickeln.

5. Politiker*innen und Parlamentarier*innen sollten zur Information und Mobilisierung der Öffentlichkeit für ganzheitliche Gesundheits- und Klimamaßnahmen verstärkt mit Gesundheits- und Klimaschützer*innen, wie z. B. KLUG (Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V.) oder Health for Future, zusammenarbeiten.

6. Durch transdiziplinäre Fonds und Arbeits- und Gestaltungsfreiräumen können staatliche und zivilgesellschaftliche Akteur*innen, Forscher*innen und Studierende, die an gesundheits- und klimabezogenen Themen arbeiten, ermutigt und befähigt werden, über ihre jeweiligen „Silos“ hinweg an der „imagination challenge“ zusammenzuarbeiten, um ihre Vorstellungskraft für die praktische Umsetzung von One Health/planetarer Gesundheit und Klimaschutz einzusetzen.

Weshalb ein Impulsdialog über Gesundheit und Klimaschutz?

Der vom Menschen verursachte Klimawandel führt weltweit zu einer Zunahme der Häufigkeit und Schwere von Überschwemmungen, Dürren und Bränden, Hungersnöten, vernachlässigten Tropenkrankheiten und Ausbrüchen von Zoonosen, die sich, wie mit COVID-19 deutlich wurde, zu verheerenden Pandemien ausweiten können. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass das Leben von vielen Millionen Menschen gefährdet ist, dass ganze Regionen, die heute dicht besiedelt sind, bald unbewohnbar werden und dass der Wettbewerb um schwindende Ressourcen Konflikte und Migration auslöst. Einige dieser Trends sind heute schon unumkehrbar.

Die Menschheit überlastet viele der Erdsysteme, von denen alles menschliche, tierische und pflanzliche Leben abhängt. Klimawissenschaftler*innen haben neun planetare Grenzen identifiziert, deren Überschreitung zu irreversiblen Kipppunkten führt. Gesundheitliche Notlagen von bisher ungekanntem Ausmaß zeichnen sich am Horizont ab. In einer solchen Situation würde man erwarten, dass die menschliche Gesundheit und die des Planeten auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda Vorrang vor anderen, konkurrierenden Interessen hat. Aber ist dies der Fall?

Zur Unterstützung der deutschen Regierung bei ihrer Positionierung zu den Zusammenhängen zwischen Gesundheit und Klimaschutz organisierte der Global Health Hub Germany in Zusammenarbeit mit Healthy DEvelopments gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen hochrangigen Impulsdialog mit sieben renommierten Vertreter*innen aus Wissenschaft, Entwicklungszusammenarbeit, Stiftungen, Zivilgesellschaft, Jugend und internationalen Organisationen, einschließlich aus dem Globalen Süden. Die Teilnehmer*innen kamen am 12. und 13. Juli 2022 zu zwei virtuellen Debatten zusammen, um die übergreifende Frage „Wie kann ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit zu einem ganzheitlichen Umgang mit der Klimakrise beitragen?“ zu erörtern. Anschließend steuerten sie im August und Anfang September im Rahmen von Einzelinterviews weitere Überlegungen zur Beantwortung dieser Leitfrage bei. 

Ziel dieses Papiers ist es nicht, eine übereinstimmende Erklärung aller Teilnehmer*innen vorzulegen, sondern zentrale Argumentationslinien des Impulsdialogs nachzuzeichnen. Das Papier veranschaulicht politikrelevante Positionen und stellt eine Reihe von sich ergänzenden Perspektiven vor, um den deutschen Politikdialog zu Gesundheit und Klimaschutz zu bereichern.

Die Teilnehmer*innen am Impulsdialog:

  • Prof. Dr. Dr. Sabine Gabrysch, Leiterin der Forschungsabteilung 2 zu Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Professorin für Klimawandel und Gesundheit an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)
     
  • Sophie Gepp, Mitglied des Vorstands der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Planetary Health Policy (CPHP)
     
  • Christian Griebenow, Geschäftsführer, Tierärzte ohne Grenzen e.V. 
     
  • Dr. Kim Grützmacher, Senior-Beraterin One Health, Biodiversität und Gesundheit, Allianz gegen Gesundheitsrisiken im Wildtierhandel, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und Planetary Health Lead, Museum für Naturkunde Berlin / Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
     
  • Melvine Anyango Otieno, Gründerin, Planetary Health Eastern Africa Hub
     
  • Prof. em. Dr. Michael Succow, Gründer, Michael Succow Stiftung
     
  • Elena Villalobos Prats, Technische Leitung für Kapazitätsaufbau und Länderunterstützung und für Alliance on Transformative Action on Climate and Health (ATACH), Abteilung Klimawandel und Gesundheit, Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Warum ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit Klimaschutzmaßnahmen stärken kann

Gesundheit kann der Diskussion eine neue Richtung geben

Für viele Menschen war der Klimawandel bisher etwas relativ Abstraktes und in einer unbestimmten Zukunft verortet, weshalb sich daraus kein zwingender Anlass ergab, gewohnte Verhaltensweisen zu ändern. In den letzten zwei Jahren haben nun die Bilder verheerender Überschwemmungen und riesiger Flächenbrände das Thema stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Teilnehmer*innen dieses Impulsdialogs sind sich einig, dass diese größere Aufmerksamkeit dafür genutzt werden sollte, der Öffentlichkeit die direkten Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit bewusst zu machen.

Gesundheit ist ein wunderbarer Hebel, um die Dringlichkeit globaler Umweltveränderungen zu ankern und persönlich zu machen. Globale Umweltveränderungen wirken für viele weit weg: irgendwann, irgendwo, betrifft das irgendwen, aber nicht mich. Wenn es um Gesundheitsfragen geht, wird es konkret und wir können persönliche Betroffenheit erzeugen. Da spüren wir auf einmal, es betrifft mich, meine Familie, mein Land, es betrifft Menschen, die ich kenne."
Kim Grützmacher

 

Die Wahrnehmung des Klimawandels als konkrete Bedrohung der eigenen Gesundheit und des eigenen Wohlbefindens kann Menschen den nötigen Ruck geben, sich für den Klimaschutz einzusetzen – sei es durch Anpassungen des Verhaltens im eigenen Alltag (z. B. in Bezug auf Ernährung, Wahl von Verkehrsmitteln, Abfallentsorgung, Energienutzung) oder indem man sich mit anderen in Koalitionen für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit zusammenschließt. Ziel ist dabei, das Tempo der Erderwärmung so zu reduzieren, dass die planetaren Grenzen nicht überschritten werden, um die menschliche Gesundheit und die Gesundheit des Planeten zu erhalten. Die Teilnehmer*innen nehmen wahr, dass der Bezug zur eigenen Gesundheit dem Konzept Klimawandel Konkretheit verleiht, und dass damit auch die Dringlichkeit der Problematik besser vermittelt werden kann.

Ich versuche oft, dem Klimaschutz mit Narrativen aus dem Gesundheitsbereich Nachdruck zu verleihen. Zum Beispiel mit der Frage: Was tut man bei einem medizinischen Notfall? Da macht man keine lange Literaturrecherche, sondern man fängt sofort an zu handeln."
Sabine Gabrysch

Auch auf der Ebene der nationalen Regierungen und der internationalen Organisationen kann „Gesundheit der Diskussion eine neue Richtung geben", wenn es um die Verhandlungen zum Klimawandel geht.

In Vorbereitung auf die UN-Klimakonferenzen treibt jeder Sektor – Wälder, Ozeane, Wasser, Lebensmittel und Landwirtschaft – seine eigene Agenda voran. Eine Änderung des Wortlauts erfordert monatelange Verhandlungen. Wir glauben, dass Gesundheit der Diskussion eine neue Richtung geben kann und dass sie das richtige Argument ist, um mehr Ehrgeiz bei den Verhandlungen zum Klimawandel zu erreichen: Die Regierungen sind sich ja bewusst, dass sie die Gesundheit ihrer Bevölkerung schützen müssen."
Elena Villalobos Prats

Die WHO hat bei diesen Verhandlungen eine führende Rolle übernommen. Sie erinnert ihre Mitgliedsstaaten an die hohen gesellschaftlichen und monetären Kosten der Krankheiten, die Folge der Vernachlässigung von Umweltfragen sind. Denn das Gesundheitsargument ist immer auch ein wirtschaftliches: Die Minderung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit vermeidet Behandlungskosten und führt zu Produktivitätsgewinnen. Villalobos Prats erläutert, dass die WHO seit über 25 Jahren einen ganzheitlichen Ansatz im Sinne des heutigen One Health-Konzepts mit Partnern in verschiedenen Sektoren verfolgt und sie zu Maßnahmen ermutigt, die einen gesundheitlichen Mehrwert erzeugen wie z. B. verbesserte Luftqualität, technologische Innovation oder Schaffung von Arbeitsplätzen. Die WHO selbst geht dabei mit ihrem „Fahrplan zu einer kohlenstoffneutralen WHO bis 2030“ (derzeit in Vorbereitung) und ihrem kürzlich eröffneten WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence in Berlin mit gutem Beispiel voran. Laut Villalobos Prats hat die WHO mit dem Vereinigten Königreich, welches den Vorsitz der COP26 innehatte,  sehr eng zusammengearbeitet, um Gesundheits- und Klimaschutzmaßnahmen miteinander zu verknüpfen. Bis heute haben sich über 60 Staaten zu den COP26-Gesundheitsinitiativen für klimaresiliente und kohlenstoffarme nachhaltige Gesundheitssysteme verpflichtet. Um sie bei der Umsetzung zu unterstützen, wurde im Juni 2022 in Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich die Alliance on Transformative Action on Climate and Health (ATACH) ins Leben gerufen.


Möchten Sie weiterlesen? Hier finden Sie den gesamten Bericht über den Impulsdialog! 

Weitere Informationen zu diesem Thema:


Im Folgenden finden Sie eine Übersicht an aktuellen Informationen aus dem Global Health Hub Germany zum Thema „Klima und Gesundheit".


Hub Community „Klimawandel und Gesundheit": Alles über Inhalte, Community Manager, Arbeitssprache und bisherige Publikationen.

Jetzt mitmachen

Interview mit Sophie Gepp, Co-Vorsitzende des Hub-Lenkungskreises und Co-Managerin der Hub Community zu Klima und Gesundheit,  von November 2022 über Chancen und Herausforderungen im Bereich Klima und Gesundheit.

Interview lesen


Artikel „Addressing Climate Change and Health systematically and sustainably": Eine Zusammenfassung der bisherigen Aktivitäten des Hub in diesem Bereich von Oktober 2022.

Artikel lesen


Mitschnitt der Paneldiskussion „Global Health needs climate action – Germany’s way forward” beim Global Health Talk am 5. Juli 2022.

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Mittschnitt der Session „Post-COP26: Ein Klima des Wandels?!" beim Global Health Talk am 24. November 2021.

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